Warum Grübeln so hartnäckig ist – und was wirklich hilft
Du liegst wach, und dein Kopf spielt dieselbe Szene zum zwanzigsten Mal ab. Warum wir grübeln, obwohl es uns nicht weiterbringt – und drei Ansätze aus der Verhaltenstherapie, die den Kreislauf unterbrechen können.
- Grübeln fühlt sich an wie Problemlösen, hält uns aber meist in Schleifen fest.
- Vor allem abstraktes „Warum“-Denken verstärkt schlechte Stimmung; konkretes „Wie“-Denken hilft eher weiter.
- Eine feste Sorgenzeit, der Wechsel vom Warum zum Wie und bewusstes Lenken der Aufmerksamkeit können den Kreislauf unterbrechen.
Grübeln fühlt sich an wie Nachdenken. Genau das macht es so tückisch: Der Kopf verspricht, dass die Antwort gleich kommt, wenn wir nur noch einmal alles durchgehen. Doch anders als beim Lösen eines Problems kommen wir beim Grübeln selten an. Wir drehen uns um Fragen wie „Warum passiert immer mir so etwas?“ oder „Was, wenn es schiefgeht?“ – und fühlen uns danach oft schlechter als vorher.
In der Psychologie heißt dieses kreisende Denken Rumination. Die Forscherin Susan Nolen-Hoeksema hat gezeigt, dass es gedrückte Stimmung verstärken und verlängern kann. Gleichzeitig macht es uns schlechter darin, Probleme tatsächlich anzugehen (Nolen-Hoeksema, Wisco & Lyubomirsky, 2008).
Nachdenken ist nicht gleich Nachdenken
Nicht jedes wiederholte Nachdenken schadet. Der Psychologe Edward Watkins unterscheidet zwei Denkstile. Der eine ist abstrakt und bewertend: „Warum bin ich so?“, „Was sagt das über mich aus?“. Der andere ist konkret und auf den Ablauf bezogen: „Was genau ist passiert? Was ist der nächste Schritt?“. Vor allem der abstrakte Stil hält uns in Schleifen, ohne zu einer Antwort zu führen. Der konkrete Stil hilft dagegen eher, wieder ins Handeln zu kommen (Watkins & Roberts, 2020).
Warum wir trotzdem nicht aufhören
Grübeln erfüllt kurzfristig einen Zweck: Es gibt uns das Gefühl, etwas zu tun, und schiebt unangenehme Gefühle oder Entscheidungen auf. Dazu kommen Überzeugungen wie „Wenn ich mir genug Gedanken mache, bin ich vorbereitet“. So wird Grübeln zur Gewohnheit. Oft hängt es an bestimmten Auslösern wie dem Abend im Bett, dem Heimweg oder dem Blick aufs Handy.
Drei Ansätze aus der Verhaltenstherapie
1. Gib deinen Sorgen einen Termin
Schon in den 1980er-Jahren testete eine Forschungsgruppe um Thomas Borkovec eine einfache Idee: Sorgen werden nicht unterdrückt, sondern auf eine feste tägliche Sorgenzeit von etwa 30 Minuten an einem festen Ort verschoben. Danach verbrachten die Teilnehmenden deutlich weniger Zeit mit Sorgen (Borkovec et al., 1983). Eine spätere Studie fand mit einem ähnlichen Vorgehen außerdem Verbesserungen bei Angst und Schlafproblemen (McGowan & Behar, 2013).
So geht’s: Wenn tagsüber eine Sorge auftaucht, notierst du sie in zwei, drei Worten und sagst dir: „Später.“ Dann holst du die Aufmerksamkeit zurück zu dem, was du gerade tust. In deiner Sorgenzeit, am besten am frühen Abend und nicht im Bett, gehst du die Liste durch. Viele merken dann, dass manches schon an Gewicht verloren hat.
2. Vom Warum zum Wie
Warum-Fragen halten uns in der Vergangenheit fest. Ersetze sie durch Wie-Fragen: „Wie genau hat es angefangen? Was könnte ich als Nächstes konkret tun?“ Findest du keinen sinnvollen nächsten Schritt, ist das kein Versagen. Es ist ein Hinweis darauf, dass weiteres Nachdenken gerade nicht hilft und du die Sache bewusst ruhen lassen darfst.
3. Hol die Aufmerksamkeit nach außen
Grübeln lenkt die Aufmerksamkeit nach innen. Kurze Übungen, bei denen du gezielt Geräusche, Farben oder deinen Atem wahrnimmst, trainieren die Fähigkeit, den Fokus wieder nach außen zu holen. Es geht nicht darum, Gedanken wegzudrücken, denn das klappt selten. Du gibst ihnen einfach weniger Bühne. Eine Übung dafür findest du in Fünf Minuten für dich.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn das Grübeln über längere Zeit deinen Schlaf, deine Stimmung oder deinen Alltag beeinträchtigt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. In der Therapie arbeiten wir gezielt an den Mustern dahinter. Manchmal hilft dabei auch Hypnose, damit der Kopf wieder zur Ruhe kommen darf.
Quellen
- Nolen-Hoeksema, S., Wisco, B. E. & Lyubomirsky, S. (2008). Rethinking rumination. Perspectives on Psychological Science, 3(5), 400–424. doi.org/10.1111/j.1745-6924.2008.00088.x
- Watkins, E. R. & Roberts, H. (2020). Reflecting on rumination: Consequences, causes, mechanisms and treatment of rumination. Behaviour Research and Therapy, 127, 103573. sciencedirect.com
- Borkovec, T. D., Wilkinson, L., Folensbee, R. & Lerman, C. (1983). Stimulus control applications to the treatment of worry. Behaviour Research and Therapy, 21(3), 247–251. semanticscholar.org
- McGowan, S. K. & Behar, E. (2013). A preliminary investigation of stimulus control training for worry: Effects on anxiety and insomnia. Behavior Modification, 37(1), 90–112. doi.org/10.1177/0145445512455661
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