Hypnose ist kein Kontrollverlust: fünf Mythen im Check
Bühnenshows und Filme haben ein Bild von Hypnose geprägt, das mit therapeutischer Hypnose wenig zu tun hat. Was die Forschung tatsächlich zeigt – und was in einer Sitzung wirklich passiert.
- Hypnose ist ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, kein Schlaf und keine Willenlosigkeit.
- Im Gehirn zeigt sich dabei ein eigenes, messbares Aktivierungsmuster.
- Die Wirkung, etwa bei Schmerzen, ist in kontrollierten Studien gut belegt.
Wenn Menschen das Wort „Hypnose“ hören, denken viele an einen Showhypnotiseur, der Freiwillige auf der Bühne wie Hühner gackern lässt. Mit therapeutischer Hypnose hat das wenig zu tun. Die Fachgesellschaft für Hypnose innerhalb der American Psychological Association beschreibt Hypnose als einen Bewusstseinszustand mit fokussierter Aufmerksamkeit und verringerter Wahrnehmung des Umfelds. In diesem Zustand sprechen Menschen besonders gut auf Vorschläge, sogenannte Suggestionen, an (Elkins et al., 2015). Das klingt nüchtern, und genau so ist es auch.
Mythos 1„In Hypnose verliere ich die Kontrolle.“
In Trance bist du weder bewusstlos noch ausgeliefert. Du hörst, was gesagt wird, kannst sprechen, dich bewegen und die Trance jederzeit beenden. Therapeutische Hypnose ist Zusammenarbeit: Wir besprechen vorher, woran wir arbeiten, und du entscheidest, worauf du dich einlässt. Viele beschreiben den Zustand eher als besonders klar und konzentriert, ähnlich wie wenn man ganz in einem Buch oder einem Film versinkt.
Mythos 2„Hypnose ist eine Art Schlaf.“
Das Wort stammt vom griechischen „hypnos“, Schlaf. Das ist allerdings irreführend. Bildgebungsstudien zeigen ein ganz eigenes Muster: In einer Stanford-Studie mit 57 Teilnehmenden war während der Hypnose eine Hirnregion weniger aktiv, die auf Bedrohung und innere Konflikte reagiert. Gleichzeitig arbeiteten Steuerungsregionen im Stirnhirn enger mit der Insula zusammen, die für die Körperwahrnehmung wichtig ist (Jiang et al., 2017). Das passt zu dem, was Menschen berichten: wach und fokussiert, dabei tief entspannt.
Mythos 3„Nur leichtgläubige Menschen sind hypnotisierbar.“
Hypnotisierbarkeit ist eher eine Fähigkeit als eine Schwäche. In einer Studie hielten gut hypnotisierbare Menschen in einem Test zur geistigen Flexibilität seltener an überholten Regeln fest. Sie konnten also leichter umdenken (Faerman & Spiegel, 2021). Wie stark jemand anspricht, ist unterschiedlich. Eine große Auswertung zur Schmerzlinderung zeigte aber, dass nicht nur hoch, sondern auch mittel ansprechbare Menschen deutlich profitierten (Thompson et al., 2019).
Mythos 4„Hypnose ist Hokuspokus ohne Wirkung.“
Hypnose gehört zu den am besten untersuchten Mind-Body-Methoden. In einer randomisierten Studie mit 241 Patient:innen lernte eine Gruppe vor einem medizinischen Eingriff, sich selbst in eine hypnotische Entspannung zu bringen. Bei den anderen Gruppen nahmen die Schmerzen während des Eingriffs zu, in der Hypnosegruppe blieben sie gleich. Diese Gruppe brauchte außerdem deutlich weniger Schmerzmittel (Lang et al., 2000).
Eine Metaanalyse aus 85 kontrollierten Studien mit über 3.600 Teilnehmenden fand bei hoch ansprechbaren Menschen eine Schmerzreduktion von rund 42 %, bei mittel ansprechbaren von rund 29 % (Thompson et al., 2019). In Deutschland hat der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie die Hypnotherapie 2006 für bestimmte Anwendungsbereiche bei Erwachsenen als wissenschaftlich begründetes Verfahren anerkannt (WBP, 2006).
Mythos 5„Man kann in Trance stecken bleiben.“
Nein. Eine Trance endet von selbst. Würde niemand mehr sprechen, kämest du einfach in deinen normalen Wachzustand zurück, oder du schläfst kurz ein und wachst ganz normal wieder auf. Am Ende einer Sitzung nehmen wir uns bewusst Zeit, damit du gut im Hier und Jetzt ankommst.
Wann Hypnose nicht das Richtige ist
So sicher Hypnose für die meisten Menschen ist: Bei bestimmten Erkrankungen, zum Beispiel psychotischen Störungen, ist sie in der Regel nicht geeignet. Ob Hypnose für dich passt, klären wir gemeinsam im Erstgespräch. Wie sie sich mit Verhaltenstherapie verbinden lässt, liest du in KVT und Hypnose.
Quellen
- Elkins, G. R., Barabasz, A. F., Council, J. R. & Spiegel, D. (2015). Advancing research and practice: The revised APA Division 30 definition of hypnosis. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 63(1), 1–9. doi.org/10.1080/00207144.2014.961870
- Jiang, H., White, M. P., Greicius, M. D., Waelde, L. C. & Spiegel, D. (2017). Brain activity and functional connectivity associated with hypnosis. Cerebral Cortex, 27(8), 4083–4093. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27469596
- Faerman, A. & Spiegel, D. (2021). Shared cognitive mechanisms of hypnotizability with executive functioning and information salience. Scientific Reports, 11. nature.com/articles/s41598-021-84954-8
- Thompson, T. et al. (2019). The effectiveness of hypnosis for pain relief: A systematic review and meta-analysis of 85 controlled experimental trials. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 99, 298–310. doi.org/10.1016/j.neubiorev.2019.02.013
- Lang, E. V. et al. (2000). Adjunctive non-pharmacological analgesia for invasive medical procedures: A randomised trial. The Lancet, 355(9214), 1486–1490. doi.org/10.1016/S0140-6736(00)02162-0
- Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (2006). Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Hypnotherapie. wbpsychotherapie.de
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